Hier ist die versprochene alternative Schlussszene, für ein letztes Eintauchen in Raes Welt. Solltet ihr meine beiden FOLLOW ME TO THE RIVER Bände noch nicht kennen, rate ich euch dringend davon ab, an dieser Stelle weiterzulesen. Es würde euch um das Vergnügen einer überraschenden und sehr dramatischen Auflösung bringen. (VORSICHT: SPOILER)
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Viel Spaß beim Lesen!
Untold
Manches ist schwer zu teilen.
Manches will man für sich allein behalten.
Vielleicht ist dies eine neue Geschichte, deren Ende ich nicht kenne. Sie beginnt an einem kühlem Tag im Frühsommer 2017. Ich stehe am Eingang des Friedhofs in Larkville und trage ein helles Kleid, auch wenn es bestimmt bald regnen wird. Aber ich spüre die Kälte nicht, denn mein Atem geht schnell, mein Herz will sich nicht beruhigen, obwohl ich schon seit fünfzehn Minuten warte.
Nicht weit entfernt haben sich drei Männer an einem Grab versammelt. Der Pastor spricht ein paar Worte und liest aus der Bibel, der Friedhofsverwalter steht mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen. Er heißt George, daran erinnere ich mich. Der dritte Mann ist groß und blond. Er wendet mir den Rücken zu, aber ich erkenne ihn gleich, auch wenn sein Haar viel heller ist, auch wenn er einen Anzug trägt und dunkle Schuhe. Es ist unverkennbar Caleb mit seinen breiten Schultern und der leicht gebeugten Haltung. Die vielen Monate auf der Bohrinsel haben sein Haar gebleicht, seine Haut gegerbt. Ich sehe es an seiner Hand, die er dem Pastor entgegenstreckt.
Sie verabschieden sich, sprechen ein paar kurze Worte, Caleb bleibt schließlich allein. Er steht still am offenen Grab seiner Mutter, nimmt einen roten Gegenstand aus der Tasche und wirft ihn hinunter. Vielleicht ein Spielzeug, ein kleines Auto von Joeys Sandhügel, etwas, das sie an ihren Sohn erinnern soll.
Dann dreht er sich um. Er geht mit großen Schritten zum Ausgang, hebt plötzlich den Blick und sieht mich dort stehen, aber er zuckt mit keiner Wimper, hält sein Tempo, kommt mit unbeweglichem Gesicht auf mich zu. Für einen Moment denke ich, er hätte mich nicht erkannt. Oder er will mich nicht sehen. Er wird einfach an mir vorbeigehen, als wäre ich eine Fremde. Ich habe zu lange gewartet, ich habe alles vermasselt, ich kriege kaum noch Luft … die Gedanken rasen.
»Rachel.« Das ist alles, was er sagt.
Ich höre eine Spur des spöttischen Tonfalls, einen Hauch seiner Geringschätzung, die er mir so viele Jahre gezeigt hat. Er sieht mich an, aber nicht mit Interesse, eher so, wie er den Schlachter ansieht, bei dem er noch nie zuvor gewesen ist. Ich müsste jetzt etwas sagen, doch ich weiß absolut nicht, wo ich anfangen soll. Über ein Jahr ist vergangen. Siebzehn Monate, seit mein neues Leben begann. Alles, was ich mir vorgenommen hatte, was ich mir hundertmal in meinem Kopf zurechtlegte, ist wie weggefegt unter seinem gleichgültigen Blick. Ich warte auf seinen nächsten Hieb.
»Was verschlägt dich in diese öde Gegend, nach so langer Zeit?« Er schenkt mir ein oberflächliches Lächeln und hebt seine Augenbrauen um ein paar Millimeter.
Gut. Es ist nicht viel, was ich von ihm kriege, aber er ist da. Direkt vor mir. Geheuchelte Freundlichkeit hin oder her. Jetzt bin ich am Zug.
»Ich wollte dich sehen«, presse ich mühsam hervor. Es klingt nicht so selbstsicher, wie ich es mir wünsche. »Und mit dir reden«, füge ich leise hinzu. Aber schon mutiger. Immerhin.
»Mach dir nicht die Mühe, Rachel. Du brauchst mir nicht zu danken. Jeder hätte geholfen.«
Ich bin ihm nicht mal mehr einen Spitznamen wert, so weit ist es gekommen. Ich habe zu lange für diesen Schritt gebraucht. Jetzt wird es schwer, ihm alles zu erklären. Wo fange ich an? Wie kann ich Caleb milde stimmen? Vielleicht hat er längst eine Freundin und schert sich einen Dreck um mich. Ich nehme meinen Mut zusammen, versuche ihm in die Augen zu sehen, aber er lässt es nicht zu.
»Es war nicht leicht für mich nach Larkville zurückzukehren. Hier sind viele schlimme Dinge geschehen. Das weißt du. Eine Sache hat mich lange beschäftigt. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich dachte, du wärst gestorben. An diesem letzten Tag am Creek. Ich habe dich gesehen. Nur einen Augenblick. Nur deinen Rücken, deine orange-braune Jacke, die Kappe der Chicago Bears. Und dann fiel der Schuss. Du lagst auf dem Eis, das Gesicht nach unten, überall war Blut. Du hast dich nicht mehr bewegt. Ich sah, wie schlimm du getroffen warst und ich konnte nichts tun. Er ließ mich nicht zu dir gehen …«
»Es war Joey, das weißt du«, sagt Caleb dunkel. Ich kann spüren, wie viel es ihm ausmacht.
»Nein. Du warst es. So hat es sich angefühlt. Über Monate.«
Er sieht mich argwöhnisch an. »Wie bitte? Sie haben dir nicht erklärt, was passiert ist?«
»Doch. Aber ich habe es nicht verstanden. Ich konnte mich nicht erinnern. An Niemanden. Ich war traurig. Als wäre jemand gestorben, den ich gut gekannt hatte.«
»Wie auch immer. Es war sicher hart für dich. Aber ich hatte meinen Bruder verloren.«
»Ja, ich weiß. Und es tut mir furchtbar leid. Vielleicht habe ich deshalb so lange gewartet. Ich dachte, du gibst mir die Schuld.«
»Wie kommst du auf so einen Schwachsinn? Ich bin kein Psychopath wie Orestes, auch wenn du das immer von mir geglaubt hast.«
»Das ist nicht wahr. Ich habe nie …«
»Lass es, Rachel. Wir wissen doch beide, dass es stimmt. Du hattest immer Angst vor mir. Hieltest mich für den Mörder deines Hundes, glaubtest, ich hätte dir die Haare abgeschnitten und wäre in Mrs. Bartons Haus eingebrochen, um dich zu töten. Abschaum aus dem Trailer-Park.«
»Das war früher. Zum Schluss habe ich es nicht mehr geglaubt. Seit Fletchers Tod. Seit ich von Joey wusste.«
»Das hab ich anders in Erinnerung. Ich seh es noch vor mir, wie du fluchtartig aus meinem Wagen verschwindest, in der Nacht, als Mrs. Barton ins Krankenhaus kam.«
»Du weißt, dass ich durcheinander war, aber …«
»Du hast dich vor mir gefürchtet.«
»Manchmal. Weil ich niemandem vertraut habe. Du warst oft so hart zu mir, so feindselig. Du hast nie etwas Nettes zu mir gesagt.«
»Bist du deshalb mit Orestes ausgegangen, weil er dir geschmeichelt hat?«
»Nein. Deshalb nicht.«
»Sondern?«
Er sieht mich so spöttisch an wie früher am Creek. Es ist schwer an ihn heranzukommen. Alles, was ich sage, fasst er falsch auf.
»Ich habe mich mit Orestes verabredet, weil ich einsam war. Ich dachte, er würde mich mögen. Das galt nicht für viele Menschen. Auch nicht für dich. Ich musste erst im Eis ertrinken, um zu verstehen, was du für mich tun würdest. Es war mehr, als ich verdient hatte.«
Er zeigt keine Regung. Ich habe das Gefühl, er will meinen Dank nicht hören.
»Ich kann dir niemals zurückgeben, was du für mich getan hast. Bitte Cal, spiel es nicht runter. Ich weiß, dass es lebensgefährlich war. Ohne dich wäre ich tot.«
Er seufzt unverhohlen. »Können wir es jetzt dabei bewenden lassen? Ich möchte diesen Tag vergessen. Und das solltest du auch versuchen.«
»Das werde ich niemals können. An diesem Tag habe ich endlich alles verstanden. Alles Schlimme, alles Gute. Und seither versuche ich mein Leben zu ändern. Vertrauen zu haben, mich nicht zu verstecken, Dinge zu sagen, die wichtig sind. Dir zu sagen, was wichtig ist, weil ich sonst keine Nacht mehr schlafen kann …«
»Was willst du mir sagen, Rachel? Dass du plötzlich erkannt hast, was für ein wertvoller Mensch ich bin?«
»Zum Beispiel.«
»Jetzt, wo Orestes Geschichte ist …«
»Das hat nichts mit ihm zu tun. Ich wusste es schon, bevor alles schiefgelaufen ist.«
»Was wusstest du?«, sagt Caleb grob.
Er wird mir keinen Millimeter entgegenkommen. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob er überhaupt etwas für mich empfindet.
»Ich habe Angst, es dir zu sagen. Ich habe Angst, dass du mich auslachst oder einfach mit den Schultern zuckst und gehst. Bitte, tu das nicht. Bitte, tu mir nicht weh.«
Ich sehe an seinem verwirrten Gesichtsausdruck, dass er überhaupt nichts versteht. Aber wenigstens lässt er mich reden. »Als ich mit Orestes am Creek war, umarmte er mich. Er war zärtlich, er strich mir durchs Haar …«
Calebs Blick ist so kalt, als wäre er dort am Fluss.
»Schön zu hören, Rachel.«
»Orestes zog mich an sich. Es fühlte sich gut an. Es war das, was ich wollte. Aber ich schloss die Augen und dachte an … dich. Ich wünschte mir, dass du es wärst …«
Caleb sagt nichts. Kann ihn gar nichts erweichen? Nicht mal eine Liebeserklärung? Dann öffnet er den Mund.
»Glaubst du, ich mache Luftsprünge, wenn du mir erzählst, dass du diesen Kerl umarmt hast? So naiv kannst du nicht sein, Adrian.«
Mein Herz springt auf. Ich sehe, dass Calebs Gesicht seine Härte verliert, dass er mich anders anschaut. Ohne seine Maske. Er nennt mich wieder bei meinem Namen.
»Und noch etwas weißt du nicht. Als ich im eiskalten Wasser war und nicht mehr herauskam, sah ich nur dich. Ich wollte nichts anderes sehen. Ich wollte bei dir sein. Ich wusste, du wärst gekommen, wenn du am Leben geblieben wärst. Du hättest mir geholfen. Ich wollte bei dir auf dem Eis liegen …«
»Du weißt schon, dass es Joey war, den du gesehen hast«, Caleb lächelt. Ein wenig spöttisch, aber nicht zu sehr.
Also mache ich weiter. Es muss einfach raus.
»Vielleicht glaubst du es nicht, aber ich habe dich auch gerettet, ein bisschen zumindest. Das hat dir bestimmt niemand gesagt. Kurz bevor ich unterging, haben sich die Zweige bewegt. Ich sah, dass jemand hinter den Bäumen stand, ganz in der Nähe. Ich wünschte mir so, dass er mir helfen würde, doch ich habe nicht geschrien. Ich wollte verhindern, dass Orestes schießt. Dann wäre wieder jemand wegen mir gestorben. Du wärst gestorben.«
Caleb kommt näher, er sieht mich fassungslos an. »Du hast mich beschützt?«
»Auf eine gewisse Weise. Ich wollte wenigstens einen Menschen retten. Einmal. Und – nenn es Karma oder anders – es hat sich ausgezahlt. Am Ende hast du mich gerettet.«
Er steht jetzt so nah, dass wir uns fast berühren, seine Augen sind dunkel geworden.
»Du hattest so viel Glück, Rae, es war nicht mein Verdienst. Ich habe nicht geglaubt, dass du es schaffst.«
»Du hast mich im Eis gefunden, ich habe dich gesehen …«
»Wie meinst du das?«, fragt er zögernd.
»Manchmal dachte ich, es wäre ein Traum gewesen, es wirkte nicht real. Ich sah dich durch das Eis. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, aber ich wusste, dass du da bist. Du hast mit der Hand über das Eis gestrichen, als wolltest du mich berühren. Ist das wirklich passiert, Caleb?«
Ich spüre seinen Atem auf meinem Haar. So nah ist er bei mir. Plötzlich zieht er mich an sich. Er hält mich endlich in seinen Armen, aber ich muss weinen. Leise, damit er nicht aufhört. Sein Mund ist jetzt dicht an meinem Ohr: »Ich habe nie etwas Schlimmeres gesehen. Du lagst unter dem Eis. Bleich. Die Augen weit aufgerissen. Ich wusste, dass du tot warst. Dass dein Herz nicht mehr schlug. Aber ich wollte dich nicht dort lassen. Ich konnte nicht aushalten, dass du in dieser Kälte liegen musstest … dass er dir das angetan hat. Ich wünschte, ich hätte ihn getötet.«
Dann sagen wir nichts mehr.
Caleb hält mich fest.
Er vergibt mir meine Angst, weil er es nicht erträgt, wenn ich weine. Ich muss ihm nichts mehr erklären. Er kennt mich besser, als jeder andere. Schon so viele Jahre. Er wird mich nicht im Stich lassen, auch wenn ich einen Fehler mache.
Er ist jemand, dem ich vertrauen kann.
Warum habe ich so lange gebraucht?
Ich hätte wissen müssen, wie leicht es ist.